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Wie kommt es zu Gewalt?

Gewalt kann in verschiedensten und gefühlt absurdesten Kontexten vorkommen. In der Familie, im Freundeskreis, zufällige und willkürliche Gewalt an Fremden, Gewalt bei einem Überfall oder der Mord aus einem verzerrten Verständnis von Liebe – die Fälle und Vielfalt an gewalttätigen Situationen sind scheinbar endlos. Um sich selbst etwaigen Gefahren zu entziehen oder auch besser mit direkt oder indirekt erlebten Gewalterfahrungen umzugehen, ist es sicherlich sinnvoll, das Phänomen Gewalt besser zu verstehen. Wie genau entsteht Gewalt in all den möglichen Szenarien und gibt es gemeinsame Ursachen für die Entstehung von gewalttätigen Situationen?

Multikausale Ursachen und verschiedenste Theorien

Wie es zur Gewalttätigkeit kommt, wird aktuell innerhalb verschiedenster theoretischer Ansätze erklärt. Dabei muss keiner dieser Erklärungsansätze einen Anspruch auf vollständige Richtigkeit erheben, sondern häufig kann deren Validität je nach Situation und Person variieren. So wie menschliches Verhalten insgesamt ist auch die Gewalt ein komplexes Phänomen, welches nicht in einem einfachen Satz erklär- und lösbar ist. So gibt es Ansätze, die eher auf Merkmale der Person als Ursache eingehen und andere, welche eher unterschiedliche Situationen in den Fokus nehmen und wie diese durch ihr Frustrationspotential Personen grundsätzlich tendenziell gewalttätiger werden lassen.

Personenzentrierte Erklärungen zur Gewaltentstehung

Erklärungsansätze, die Personen und die zugehörige Persönlichkeit als Ursache ansehen, sind häufig psychopathologischer Natur. Soll heißen psychopathologische Theorien sehen die Ursache der Gewalt beispielsweise in Persönlichkeitsstörungen.

Unter diesen ist hier besonders die antisoziale oder auch dissoziale Persönlichkeitsstörung wichtig, in der Umgangssprache besser bekannt als Psychopathie oder Soziopathie. Menschen, die unter dieser Persönlichkeitsstörung leiden, besitzen keinerlei Empathie, sind also zu jeglichem Mitgefühl unfähig. Außerdem besteht häufig kein Interesse daran, Regeln und grundlegendsten sozialen Normen zu folgen. Sie empfinden keine Reue und leiden auch nicht unter Schuldgefühlen, nachdem sie anderen etwas Schlimmes angetan haben. Hinzu kommt eine kaum vorhandene Frustrationstoleranz. Infolgedessen werden eigene Ziele zunehmend rücksichtslos durchgesetzt. Mögliche Kollateralschäden werden dabei vollkommen ignoriert. Gewalt stellt für die volkstümlich als Psychopathen bezeichneten Menschen somit ein völlig legitimes Mittel dar, um mit anderen Personen umzugehen. Studien zeigen auch, dass kriminelle Insassen von Justizvollzugsanstalten häufiger unter dieser Persönlichkeitsstörung leiden, als straffreie Personen. Hierbei sei aber auch erwähnt, dass es ebenfalls sehr angepasste Menschen mit antisozialer Persönlichkeitsstörung gibt, welche sich nichts zu Schulden kommen lassen und ein verträglicheres Leben führen. Die Störung selbst führt also nicht immer bei jedem Menschen zum Aufkommen von Gewalt.

Häufig werden auch andere charakterliche Auffälligkeiten diskutiert oder beispielsweise schwere Erkrankungen wie unter anderem die Schizophrenie, welche im Zweifel auch von der Schuldfähigkeit befreien kann. Auch mangelnde Impulskontrolle wird häufig als Personenmerkmal erwähnt, welches häufig als ein gemeinsames Merkmal der meisten Gewalttäter angesehen wird. Kritisch zu sehen bei diesen personenzentrierten Ansätzen ist jedoch, dass sie kaum erklären können, warum familiäre Gewalt so vergleichsweise häufig entsteht. Die Verbreitung von Gewalt in Familien ist deutlich massiver und vielfältiger, als die Verbreitung bekannter psychologischer Auffälligkeiten. Zudem neigen solche Theorien zur moralischen Entlastung der Täter, welche oft durch die Bestreitbarkeit des freien Willens entlastet werden.

Situative Erklärungen zur Gewaltentstehung

Abgesehen von der Person, kann ebenfalls die jeweilige Situation unabhängig von persönlichen Merkmalen in den Fokus genommen werden. Gibt es bestimmte Umstände, unter denen sogar jeder oder zumindest überzufällig viele Personen häufig oder immer gewalttätig werden? Das versuchen situativ orientierte Ansätze zu beantworten.

Zu diesen zählen sich unter anderem soziale Lerntheorien. Diese erklären gewalttätiges Verhalten durch ein erlerntes Verhaltensmuster primär aus der Kindheit. Die österreichische Gewaltprävalenzstudie von 2011 legt nahe, dass das Erleben von Gewalt in der Kindheit dazu führt, dass häufiger dauerhaft selbst Gewalterfahrungen gemacht werden. Eventuell werden solche Personen ebenfalls häufiger selbst gewalttätig, da kindliche Erlebnisse ihnen nahelegten, dass Gewalt ein probates Mittel ist. Problematisch ist an diesen Ansätzen allerdings, dass sie lediglich beschreibender Natur sind. Wie die Gewalt letztendlich intrapsychisch entsteht, welche exakten Gründe sie hat und weitere komplexe Zusammenhänge werden nicht erklärt. Es werden lediglich Aussagen über deren Aufkommen und die zugrundeliegenden Umstände gemacht.

Stressorientierte Theorien gehen dagegen davon aus, dass bestimmte Stressoren beziehungsweise deren Intensität und die fehlende Kompensation durch die Person Gewalt auslösen. Besonders im Zusammenhang mit familiärer Gewalt werden Stresstheorien erwähnt. Diese sollen deren Aufkommen durch die Summe der Stressoren innerhalb der Familie erklären. Je mehr von ihnen vorhanden sind, desto wahrscheinlicher kommt es zu gewalttätigen Handlungen. So einfach ist der Zusammenhang allerdings nicht, da je nach Personenfaktor letztendlich trotz hoher Stressorenanzahl keine Gewalt entsteht. Beispielsweise werden Frauen in der Familie seltener gewalttätig als Männer, obwohl sie verhältnismäßig mehr objektiven Stressoren ausgesetzt sind.

Diese Aufzählung an Theorien ist sogar keinesfalls komplett. Was letztendlich zur Gewalt führt, ist also komplex und immer noch Thema aktueller Forschung. Zudem kommt, dass Gewalt nicht gleich Gewalt ist. Zu unterscheiden sind nochmals im allerweitesten Sinne die soziale Gewalt, welche genutzt wird, um innerhalb von sozialen Strukturen bestimmte Rangordnungen zu erhalten oder verändern und die asoziale Gewalt, welche sich vor allem durch die Gewinnung materieller Güter durch beispielsweise Raub auszeichnet, aber auch die Gewalttat selbst als in sich ausreichenden Beweggrund ansieht.

Gewaltentstehung vermeiden?

Ob und wie nun die Gewalt direkt bei der Entstehung verhindert werden kann, muss individuell betrachtet werden. Dies gilt sowohl makroperspektivisch, als auch im eigenen Erleben von Gewaltsituationen. Um in letzterem Fall zu deeskalieren, müssen also die Gründe und Motive des Täters verstanden werden. Je nachdem, worauf es der Täter abgesehen hat, können nun unterschiedlichste Verhaltensweisen zur Deeskalation führen. Auf ein gewisses Maß an Einfühlungsvermögen kann insofern nicht verzichtet werden. Es ist allerdings möglich, dass Deeskalieren und folglich eine Konfrontation unausweichlich ist. Gerade für solche Fälle ist die eigene Schulung der praktischen Selbstverteidigungsfähigkeiten potentiell lebensrettend. Das Verständnis von Gewaltdynamiken und deren Entstehung kann also seelische Entlastung bieten oder sogar helfen, eine Situation zu verhindern, ersetzt im Zweifel aber kein Selbstverteidigungstraining.