Selbstschutz im Berufsalltag wenn Deeskalation Standard ist, aber nicht immer reicht
Selbstschutz im Berufsalltag – wenn Deeskalation Standard ist, aber nicht immer reicht
1. Warum Deeskalation Standard ist und doch nicht reicht
In KRITIS-nahen Bereichen wie Krankenhäusern, Rathäusern oder im ÖPNV ist Deeskalation unser Standard. Professionelle Handlungssicherheit heißt aber auch: die Realität anzuerkennen. Wenn Emotionen kippen, Fluchtwege versperrt sind und der Übergriff unmittelbar bevorsteht, braucht es ein System, das
Mitarbeitende schützt – klar, trainierbar und rechtssicher eingebettet.
Die Grundlagen der Gewaltprävention beginnen beim Verstehen: Wie entsteht Gewalt? Wo sind Kipppunkte? Und welche Handlungsmuster bleiben auch unter Stress abrufbar? Genau hier trennt sich „Theorie“ von praxistauglicher Handlungssicherheit.
2. Zwei Tätertypen, zwei Strategien im Berufsalltag
Im Berufsalltag erleben Teams vor allem zwei Muster: Der affektive Täter: emotional überlastet (Wut, Angst, Frust), laut, drohend, starkes Gestikulieren. Hier wirkt Deeskalation am besten: ruhige Präsenz, klare Sprache, Distanzmanagement. Ziel ist es, das Erregungsniveau zu senken und die Situation zu stabilisieren.
Der Handlungskreislauf bei Gewalt gegen Mitarbeitende zeigt, an welchen Punkten Interventionen noch greifen können.
Der prädatorische (zielgerichtete) Täter: kalt, zweckorientiert, oft wenig Vorwarnung, sucht Lücken.
Hier kann „zu viel Gespräch“ riskant sein, weil Empathie als Schwäche gelesen wird. Der Blick des Aggressors
hilft zu verstehen, wie Täter Schwachstellen identifizieren. Wenn Kommunikation nicht greift und Ausweichen nicht möglich ist, braucht es den schnellen Wechsel zur Schutzhandlung: Distanz schaffen, Angriff unterbrechen, raus aus der Enge.
Wichtig: Diese Unterscheidung ist kein „Labeln von Menschen“, sondern ein Entscheidungswerkzeug.
In professionellen Threat-Assessment-Ansätzen (u. a. im Gesundheitswesen) wird die Differenzierung zwischen affektiver und gezielter/prädatorischer Gewalt explizit beschrieben – weil daraus unterschiedliche Schutzstrategien folgen- Siehe die Erläuterung: .Quelle: HHS/ASPR – Threat Assessment & Management in Healthcare
3. Das Selbstschutz-Puzzle: Mindset, Mechanik, Resilienz
Unser Ansatz verbindet drei Puzzleteile:
Mentale Steuerung („Gangwechsel“): Nicht aggressiv werden, sondern die Eskalationsstufe situativ anpassen.
In der Vorkonfliktphase ruhig und kommunikationsstark, im Ernstfall entschlossen und handlungsfähig.
Wie Sie mentale Stress-Loops durchbrechen und abrufbar bleiben,ist dabei entscheidend.
Körpermechanik statt Muskelkraft: Wir machen keine „Kämpfer“. Wir nutzen natürliche Bewegungsmuster, die auch unter Stress abrufbar sind, um Sekunden zu gewinnen: ein explosiver Start aus stabilem Stand (wie beim Sprinter) und ein effizienter Kraftfluss über die kinetische Kette (wie beim Kugelstoßen). Ziel ist nicht „Sieg“, sondern der sofortige Abbruch des Übergriffs und das Öffnen eines Fluchtfensters.
Resilienz durch Handlungssicherheit: Wer weiß, was zu tun ist, erlebt weniger Ohnmacht. Genau hier setzt
mentale Gewaltprävention gegen Arbeitsplatz-Angst an. Das wirkt nach vorn (mehr Souveränität im Alltag) und nach hinten (bessere Verarbeitung nach kritischen Vorfällen). Wie Resilienz in der Gewaltprävention konkret aufgebaut wird,zeigt sich besonders in Behörden und Gesundheitseinrichtungen.
4. Arbeitsschutz ist Pflicht und Managementaufgabe
Sicherheit ist kein „Nice-to-have“, sondern Teil der Fürsorgepflicht. Arbeitgeber müssen Schutzmaßnahmen organisieren, die zu den realen Belastungen passen – gerade dort, wo psychosoziale Belastungen und Übergriffe zum Berufsrisiko gehören.
Wer hier nicht handelt, riskiert nicht nur die Gesundheit der Belegschaft, sondern auch haftungsrelevante Fragen:
Organisationsverschulden in der Gewaltprävention kann erhebliche Konsequenzen nach sich ziehen. Genau hier setzen wir an: praxisnah, berufsgruppenbezogen und mit klaren Standards statt „Training von der Stange“.
5. Praxisbeispiele aus Klinik, Verwaltung und ÖPNV
Krankenhaus/Notaufnahme: Eine Umfrage des Deutschen Krankenhausinstituts im Auftrag der Deutschen Krankenhausgesellschaft zeigt: 66 Prozent der Krankenhäuser berichten von steigenden Übergriffen; 95 Prozent haben Gewaltvorfälle in der Notaufnahme registriert.Quelle: Deutsche Krankenhausgesellschaft
Behörden/Publikumsverkehr: Gewalt ist im öffentlichen Dienst ein relevantes Thema: Eine BMI-Studie (2022) kommt laut DGUV zum Ergebnis, dass jede und jeder vierte Beschäftigte im öffentlichen Dienst Gewalt erlebt hat – häufig im direkten Kontakt mit betriebsfremden Personen.(Quelle: DGUV – Zahlen, Daten, Fakten)
ÖPNV/Bahn: Anfang Februar 2026 starb ein Zugbegleiter nach einem Angriff bei einer Ticketkontrolle in Rheinland-Pfalz.In der Folge lud die Deutsche Bahn zu einem Sicherheitsgipfel ein. (Quelle: ZDFheute;Quelle: eutschlandfunk
) Diese Beispiele zeigen: Gewalt im Kundenkontakt ist kein Randphänomen mehr, sondern eine wiederkehrende Belastung – und damit ein klares Thema für professionellen Arbeitsschutz.
6. Was das für Ihre Organisation bedeutet
Jede Behörde, jede Klinik, jeder Außendienst hat andere Räume, andere Abläufe, andere Risiken. Darum starten wir mit einer kurzen Bedarfsanalyse und bauen darauf ein kompaktes, stressfestes Grundsystem auf: wenige Prinzipien, die wirklich abrufbar sind.
- Diagnose: affektiv vs. prädatorisch – passende Strategie statt Bauchgefühl
- Gangwechsel: Deeskalation, wenn möglich – Schutzhandlung, wenn nötig
- Rollenlogik: Wer spricht? Wer sichert? Wer alarmiert? Wer dokumentiert?
- Standards: wenige Prinzipien, wiederholbar trainiert, realistisch verankert
Dabei steht immer der Mensch im Mittelpunkt der Gewaltprävention nicht abstrakte Konzepte, sondern die konkreten Menschen in Ihren Teams mit ihren individuellen Belastungen und Bedürfnissen.
7. Fazit und Handlungsempfehlung
Wenn Sie Selbstschutz als Teil Ihrer modernen Arbeitssicherheit verankern möchten, sollten Sie Täterdiagnose, Deeskalation, Selbstschutz und Notfallorganisation als zusammenhängendes System denken.
Konkrete nächste Schritte:
- Führen Sie eine realistische Gefährdungsbeurteilung durch
- Identifizieren Sie besonders exponierte Arbeitsbereiche
- Prüfen Sie bestehende Schutzkonzepte auf Praxistauglichkeit
- Entwickeln Sie ein modulares Schulungskonzept für unterschiedliche Risikolagen
Lassen Sie uns die Anforderungen Ihrer Teams prüfen und ein passendes Konzept aufsetzen praxisnah, rechtssicher und auf Ihre Organisation zugeschnitten.
Sprechen Sie uns an – wir entwickeln passgenaue Lösungen.
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Über den Autor
Günther Pfeifer
IHK-zertifizierter Fachkraft für Gewaltpräventions mit über 25 Jahren Erfahrung in Risiko-Bereichen. Entwickler der Gladiator Mind-Methodik, die stoische Philosophie mit moderner Neurowissenschaft verbindet. Spezialisiert auf Behörden, KRITIS, Jobcenter, Kliniken, Rettungsdienst, ÖPNV, Einzelhandel, und Flughäfen.
Ich bin Praktiker, kein Forscher. Meine Aufgabe ist es, wissenschaftliche Erkenntnisse in tragfähige Konzepte für reale Einsatzsituationen zu übersetzen als Architekt, der die richtigen Fachleute zusammenbringt. Wo mein Wissen endet, beginnt mein Netzwerk.
Meine Arbeit basiert auf der Überzeugung, dass der Mensch im Mittelpunkt jeder wirksamen Gewaltprävention stehen muss. Nur wer seine eigene Stressphysiologie versteht und seinem Bauchgefühl vertraut, kann unter Druck souverän bleiben, deeskalierend auftreten und sich flexibel an die Dynamik der Situation anpassen, wenn Standardroutinen nicht mehr greifen.
Rechtlicher Hinweis
Dieser Beitrag dient der Information über den Stand der öffentlichen Diskussion und Quellenlage (Stand: 07.02.2026). Er stellt keine Rechtsberatung dar. Für verbindliche Auskünfte wenden Sie sich bitte an einen Fachanwalt für Verwaltungsrecht oder an die zuständige Aufsichtsbehörde.
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