Über den Autor
Günther Pfeifer
IHK-zertifizierte Fachkraft für Gewaltprävention mit über 25 Jahren Erfahrung in Risiko-Bereichen. Entwickler der Gladiator Mind-Methodik, die stoische Philosophie mit moderner Neurowissenschaft verbindet. Spezialisiert auf Behörden, KRITIS, Jobcenter, Kliniken, Rettungsdienst, ÖPNV, Einzelhandel und Flughäfen.
Ich bin Praktiker, kein Forscher. Meine Aufgabe ist es, wissenschaftliche Erkenntnisse in tragfähige Konzepte für reale Einsatzsituationen zu übersetzen – als Architekt, der die richtigen Fachleute zusammenbringt. Wo mein Wissen endet, beginnt mein Netzwerk.
Meine Arbeit basiert auf der Überzeugung, dass der Mensch im Mittelpunkt jeder wirksamen Gewaltprävention stehen muss. Nur wer seine eigene Stressphysiologie versteht und seinem Bauchgefühl vertraut, kann unter Druck souverän bleiben, deeskalierend auftreten und sich flexibel an die Dynamik der Situation anpassen, wenn Standardroutinen nicht mehr greifen.
Jeder kann sich an die erste Fahrstunde erinnern. Und genau deshalb ist Autofahren ein präzises Modell für Gewaltprävention und Selbstschutz im Berufsalltag: Unter Druck bleibt nicht das abrufbar, was wir „wissen“ – sondern das, was wir als Handlungsfolge stabilisiert haben.
Inhaltsverzeichnis
1. Die erste Fahrstunde: Warum das Auto wie ein Känguru springt
Erste Fahrstunde. Kupplung langsam kommen lassen. Etwas Gas. Das Auto ruckelt, springt, der Motor geht aus. Der Fahrlehrer greift ein. Du spürst Unsicherheit. Du denkst: „Warum kriege ich das nicht hin?“
Nicht, weil du unfähig bist. Sondern weil dein Kopf noch keinen stabilen Ablauf gespeichert hat. Am Anfang muss jeder Schritt bewusst gedacht werden: Kupplung. Gang. Spiegel. Gas dosieren. Bremsen. Blinken. Hohe kognitive Last und damit hohe Fehleranfälligkeit.
Einige Jahre später fährst du ruhig durch eine 30er-Zone. Plötzlich rollt ein Ball auf die Straße. In diesem Moment weiß jeder erfahrene Fahrer: Ein Kind könnte hinterherlaufen. Bevor du bewusst „Gefahr“ denkst, geht dein Fuß auf die Bremse. Du analysierst nicht. Du diskutierst nicht. Du reagierst.
Ist das ein Reflex? Nein. Es ist eine gespeicherte Handlungsfolge – Wahrnehmung → Bewertung → Handlung – durch tausende Wiederholungen stabil automatisiert.
Kernbotschaft: Was wie „reflexhaft“ wirkt, ist fast immer eine trainierte, automatisierte Handlungsfolge kein angeborener Instinkt.
2. Warum diese Analogie ein echter Mehrwert ist
Autofahren ist kein „nettes Bild“ – es ist ein Messinstrument: Es zeigt, wie Menschen von bewusstem Denken zu stabiler Abrufbarkeit gelangen.
Beim Fahren ist jedem klar: Eine Doppelstunde reicht nicht für Sicherheit im Berufsverkehr. Man braucht Wiederholung, Variation (Regen, Dunkelheit, dichter Verkehr), strukturiertes Feedback und Routine.
In der Gewaltprävention ist es identisch: Einmal über Deeskalation sprechen, einmal Distanzaufbau zeigen, einmal Teamabsprachen klären – das erzeugt Verständnis, aber noch keine belastbare Handlungssicherheit. Entscheidend ist, ob Abläufe später unter echtem Druck automatisch greifen.
Fazit: Der Mehrwert der Analogie liegt in der Ehrlichkeit: Niemand erwartet, nach einer Theoriestunde sicher Auto zu fahren. Dieselbe Messlatte müssen wir an die Handlungssicherheit im Berufsalltag anlegen.
3. Warum wir keine Reflexe trainieren
Der Begriff „Reflex“ wird im Selbstschutz häufig ungenau verwendet.
Ein Reflex ist eine unwillkürliche Reaktion des Nervensystems – zum Beispiel das Zurückziehen der Hand bei Hitze. Er ist angeboren, nicht gezielt steuerbar und läuft ab, bevor das Gehirn aktiv beteiligt ist.
Im beruflichen Kontext geht es selten um solche Reflexe. Es geht um strukturierte Handlungsfolgen:
Wahrnehmung → Bewertung → Entscheidung → Handlung
Diese Folge ist trainierbar. Sie lässt sich durch Wiederholung so stabil machen, dass sie unter Stress fast automatisch abläuft – und dabei trotzdem situativ angepasst werden kann. Genau deshalb ist dieses Prinzip das Fundament des Handlungskreislaufs bei Gewalt gegen Mitarbeiter und der Phasenlogik im Handlungskreislauf.
Unterscheidung: Reflexe sind starr und unbewusst. Handlungsfolgen sind trainiert, hochgradig stabil und bleiben dennoch flexibel an die Dynamik der Situation anpassbar.
4. Warum Wiederholung entscheidend ist
Zwischen der ersten Fahrstunde und routiniertem Fahren liegt kein Talent. Es liegt Wiederholung. Wiederholung erzeugt Verlässlichkeit. Verlässlichkeit erzeugt Handlungssicherheit.
Ohne wiederholte Struktur verfestigen sich unter Stress häufig alte, unsichere Reaktionsmuster – ein Mechanismus, den ich im Modell des Stress-Loops erläutere: Der Körper fällt in das Muster zurück, das am häufigsten aktiviert wurde nicht unbedingt das hilfreichste.
Merksatz: Wissen ist bewusst abrufbar. Handlungsfolgen sind unter Belastung abrufbar. Das ist der entscheidende Unterschied zwischen Training und Vorbereitung.
5. Fünf Prinzipien: Wie Wiederholung Handlungssicherheit baut
Um Handlungsfolgen so tief zu verankern, dass sie unter Stress zuverlässig funktionieren, folgen wir in der Gladiator Mind-Methodik fünf Kernprinzipien:
1. Kurze, klare Abläufe statt langer Listen
Komplexität ist der Feind der Abrufsicherheit. Wir trainieren lieber drei Schritte, die unter Druck sitzen, als zehn Tipps, die im Stress verschwinden.
2. Wiederholung mit Variation
Wie im Straßenverkehr: Wir üben nicht nur auf der leeren Straße, sondern bei Regen, Dunkelheit und Stau. Varianz macht Abläufe robust gegen das Unbekannte.
3. Fehler sind Trainingsdaten
Das Abwürgen des Motors ist eine Rückmeldung, kein Versagen. Im Training identifizieren wir präzise, wo die Handlungskette bricht, nicht das Vermeiden von Fehlern um jeden Preis.
4. Abrufsignale festlegen
Ball = Kind möglich = Tempo raus. Im Beruf: Ton kippt → Distanz vergrößern; Annäherung → Positionierung prüfen; Beleidigung → Grenzkommunikation. Konkrete Trigger, konkrete Reaktionen.
5. Team als System
Organisation bedeutet Rollenverteilung: Wer spricht? Wer sichert? Wer holt Hilfe? Eine funktionierende Handlungsfolge im Team braucht keine langen Worte.
6. Warum ein Tageskurs allein selten reicht
Ein Tageskurs ist wichtig. Er schafft Bewusstsein, setzt Impulse, zeigt Möglichkeiten. Problematisch wird es, wenn er als „Abgehakt“ verstanden wird so, als würde eine einzige Fahrstunde für den Führerschein reichen.
Einmalige Impulse erzeugen Aufmerksamkeit, aber selten robuste Muster, die Monate später unter Druck noch greifen. Tageskurse sind deshalb der Einstieg – Handlungssicherheit entsteht erst, wenn daraus ein System wird: strukturierte Wiederholung, kurze Auffrischungen, Teamstandards, Nachsorge.
Fazit: Ein Tageskurs ist der Führerschein-Theoriekurs. Handlungssicherheit ist das tatsächliche Fahren – hunderte Male, bei unterschiedlichem Wetter, in verschiedenen Situationen. Erst dann ist sie belastbar.
7. Was unter Stress abrufbar bleibt – und was nicht
Unter Stress verändert sich das Gehirn messbar: Der präfrontale Kortex – zuständig für rationales Abwägen und komplexe Entscheidungen verliert an Einfluss. Die Amygdala übernimmt. Wahrnehmung verengt sich auf das Bedrohliche. Motorik wird gröber. Zeitwahrnehmung verzerrt sich.[1]
Was dann noch verlässlich greift: das, was oft genug vollständig durchlaufen wurde. Nicht das Wissen über einen Ablauf – sondern der Ablauf selbst, in stabilisierter Form.
Wenn das gelingt, zeigt sich meist das Gegenteil von Chaos: klare Ansprache, definierter Distanzaufbau, strukturierte Schritte und kontrollierte Reaktion. Mehr dazu im Grundlagentext Selbstschutz im Berufsalltag & Deeskalation.
Physiologie-Check: Im Ernstfall „denkt“ man nicht mehr. Das Gehirn schaltet auf Autopilot. Deshalb trainieren wir im Gladiator Mind-System keine kognitiven Listen, sondern neurologische Autobahnen.
8. Drei Praxis-Szenarien aus dem Berufsalltag
Theorie wird erst dann greifbar, wenn sie sich an konkrete Bilder heftet. Hier sind drei typische Situationen, in denen automatisierte Handlungsfolgen den Unterschied machen:
🏛️ Behörde
Beleidigung, zunehmende Nähe, Druck. Ohne trainierten Ablauf: Rechtfertigung oder Erstarrung. Mit Ablauf: Grenzkommunikation → Distanzvergrößerung → Unterstützung anfordern → Situation stabilisieren.
🏥 Klinik
Nahbereich, Unruhe, beengter Raum. Entscheidend: Positionierung, deeskalierende Sprache, Teamrollen – nicht Show-Techniken, die im Alltag niemand trainiert hat.
🚪 Außendienst
Unübersichtlich, allein, unbekanntes Umfeld. Hier zählen Abbruchkriterien vor dem Besuch, klare Kommunikationsmuster und eine strukturierte Nachsorge.
Gemeinsamer Nenner: Es entscheidet nicht Härte, Größe oder Kampferfahrung – sondern die Abrufbarkeit des richtigen Ablaufs im richtigen Moment.
9. Handlungssicherheit im beruflichen Kontext
Handlungssicherheit ist kein persönlicher Charakterzug – sie ist ein trainierbares, organisationales Asset. Ein Thema für Führung, Personalentwicklung und Arbeitssicherheit gleichermaßen.
Der Mensch steht im Mittelpunkt – nicht als Floskel, sondern als Realfaktor für Prozessstabilität, Teamgesundheit und operative Sicherheit:Der Mensch im Mittelpunkt der Gewaltprävention.
Wie chronische Angst am Arbeitsplatz Handlungssicherheit systematisch unterminiert: Arbeitsplatz-Angst stoppen.
Warum Resilienz kein Wellness-Thema ist, sondern ein messbarer Stabilitätsfaktor: Resilienz in der Gewaltprävention.
10. Einordnung im Phasenmodell Gladiator Mind
Das mentale Handlungssystem Gladiator Mind strukturiert Gewaltprävention und Selbstschutz in fünf Phasen – vor, während und nach Konflikten. Handlungsautomatisierung ist dabei das Kernelement aller Phasen.
11. Team-Handlungsfolgen: Warum Organisationen anders trainieren müssen
In Organisationen treffen Konflikte nicht nur Einzelpersonen – sie treffen Prozesse, Verantwortlichkeiten und Kommunikationswege. Deshalb reichen individuelle Handlungsfolgen allein nicht aus.
Was es braucht, sind Team-Handlungsfolgen:
- Wer spricht?
- Wer vergrößert die Distanz?
- Wer fordert Verstärkung an?
- Wer dokumentiert?
- Wie wird das ohne Worte signalisiert?
Für KRITIS-Betreiber kommen zusätzliche regulatorische Anforderungen hinzu: Gewaltprävention in KRITIS-Strukturen und
BSI-KritisV: Gewaltprävention, Selbstschutz & Arbeitsschutz.
Grundlagen und Präventionslogik im Überblick: Gewalt verstehen – Grundlagen der Prävention.
12. Quellen & wissenschaftlicher Hintergrund
Quellenverzeichnis
- Arnsten, A.F.T. (2009): Stress signalling pathways that impair prefrontal cortex structure and function. Nature Reviews Neuroscience, 10, 410–422.
doi.org/10.1038/nrn2648 - BKA – Bundeskriminalamt (2023): Polizeiliche Kriminalstatistik 2023.bka.de
- Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin – BAuA (2022): Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung.baua.de
- Ericsson, K.A. / Pool, R. (2016): Peak: Secrets from the New Science of Expertise. Houghton Mifflin Harcourt. – Grundlagenwerk zur Entstehung von Expertise durch strukturierte Wiederholung.
- Grossman, D. / Christensen, L.W. (2004): On Combat: The Psychology and Physiology of Deadly Conflict. PPCT Research Publications. – Standardwerk zu Stressreaktion und Handlungssicherheit im Extremkontext.
13. Weiterführende Themen
Handlung & Stress
KRITIS & Organisation
Täterlogik
Gladiator Mind
14. FAQ – Häufige Fragen
15. Transparenz & Einordnung
Dieser Artikel dient der methodischen Einordnung von Training und Vorbereitung im professionellen Selbstschutz. Die Inhalte basieren auf der langjährigen Praxiserfahrung von Günther Pfeifer und der wissenschaftlichen Stressphysiologie des Gladiator Mind-Systems.
Methodik
Kombination aus stoischer Philosophie, Neurowissenschaft und taktischer Ausbildung.
Zielgruppe
Ausschließlich für den beruflichen Kontext in Behörden, KRITIS und Unternehmen entwickelt.
Aktualität
Stand der Trainingsmethodik und regulatorischen Anforderungen: Februar 2026.
Haben Sie Fragen zur Implementierung dieser Handlungsfolgen in Ihrer Organisation?
Kontaktieren Sie mich für ein Beratungsgespräch.
Rechtlicher Hinweis
Dieser Beitrag dient der Information über den Stand der öffentlichen Diskussion und Quellenlage (Stand: 15.02.2026). Er stellt keine Rechtsberatung dar. Für verbindliche Auskünfte zu BSI-KritisV, KRITIS-Dachgesetz, Arbeitsschutz und Haftungsfragen wenden Sie sich bitte an einen Fachanwalt für IT-Recht, Verwaltungsrecht oder Arbeitsrecht bzw. an die zuständige Aufsichtsbehörde (z.B. BSI, Gewerbeaufsicht, Berufsgenossenschaften).
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