Handlungskreislauf bei Gewalt: 4 Phasen zwischen Wahrnehmung, Entscheidung und Handlung
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Fachlich grundlegend aktualisiert: 14. September 2026
Gewaltsituationen entstehen nicht erst mit dem ersten Schlag. Zwischen Wahrnehmung, Bewertung, Entscheidung und tatsächlichem Verhalten laufen Prozesse ab, die darüber mitentscheiden, welche Handlungsmöglichkeiten ein Mensch überhaupt erkennt und nutzen kann.
Der Handlungskreislauf bei Gewalt bietet ein einfaches Modell, um diese Prozesse für Gewaltprävention, Deeskalation, Selbstschutz und betriebliche Schutzkonzepte verständlich zu strukturieren.
Dabei ist wichtig: Der Handlungskreislauf ist kein starres biologisches Gesetz. Menschen reagieren unterschiedlich. Situationen können langsam eskalieren, abrupt kippen oder einzelne Phasen nahezu gleichzeitig durchlaufen.
Das Modell hilft deshalb nicht dabei, Gewalt sicher vorherzusagen. Es hilft dabei, eine entscheidende Frage zu stellen:
Welche Informationen nehme ich wahr – wie bewerte ich sie – welche Entscheidung treffe ich – und welche Handlung folgt daraus?
Wahrnehmen → Bewerten → Entscheiden → Handeln → Wirkung prüfen → neu bewerten
Handlungssicherheit entsteht nicht dadurch, jede Situation perfekt vorherzusagen. Entscheidend ist, Veränderungen wahrzunehmen, verfügbare Handlungsoptionen zu erkennen und die Lage nach einer Handlung erneut zu bewerten.
Inhaltsverzeichnis
- Was ist der Handlungskreislauf bei Gewalt?
- Warum verändert Stress den Handlungskreislauf?
- Phase 1: Wahrnehmung – was verändert sich?
- Phase 2: Bewertung – wie wird aus Wahrnehmung Bedeutung?
- Phase 3: Entscheidung – welche Handlung ist jetzt möglich?
- Phase 4: Handlung – warum Training eine Rolle spielt
- Wann wird aus dem Handlungskreislauf eine Eskalationslage?
- Was bedeutet der Handlungskreislauf für die Täterarbeit?
- Was bedeutet der Handlungskreislauf für Betroffene und Selbstschutz?
- Was bedeutet der Handlungskreislauf für Arbeitgeber?
- Für welche Arbeitsbereiche ist das Modell relevant?
- Wie kann der Handlungskreislauf trainiert werden?
- Wo liegen die Grenzen des Modells?
- Häufig gestellte Fragen zum Handlungskreislauf
- Quellen und weiterführende Literatur
1. Was ist der Handlungskreislauf bei Gewalt?
Der Handlungskreislauf beschreibt einen vereinfachten Ablauf zwischen Wahrnehmung und Verhalten:
- Wahrnehmung: Was geschieht gerade?
- Bewertung: Welche Bedeutung hat das für mich?
- Entscheidung: Welche Handlungsoption erscheint möglich oder notwendig?
- Handlung: Was tue ich tatsächlich?
In realen Situationen laufen diese Schritte nicht immer sauber nacheinander ab. Sie können sich überlagern, gegenseitig beeinflussen und innerhalb kurzer Zeit wiederholen.
Nach einer Handlung beginnt deshalb unmittelbar eine neue Bewertung:
Hat meine Handlung funktioniert? Hat sich die Situation verändert? Muss ich meine Strategie anpassen?
Der entscheidende Gedanke:
Handlungssicherheit ist kein einzelner Entschluss. Sie ist ein fortlaufender Prozess aus Wahrnehmen, Entscheiden, Handeln und erneuter Lagebeurteilung.
2. Warum verändert Stress den Handlungskreislauf?
Unter akuter Bedrohung verändert sich nicht nur das subjektive Gefühl von Stress. Aufmerksamkeit, Arbeitsgedächtnis, flexible Planung, Wahrnehmung und Bewegungssteuerung können ebenfalls beeinflusst werden.
Forschung zur Stressphysiologie zeigt, dass hohe Stressbelastung Funktionen des präfrontalen Cortex beeinträchtigen kann, die unter anderem für Arbeitsgedächtnis, flexible Planung und komplexe Entscheidungen wichtig sind.
Das bedeutet jedoch ausdrücklich nicht, dass der präfrontale Cortex einfach „abgeschaltet“ wird oder rationales Denken vollständig unmöglich wird.
Vielmehr kann es schwieriger werden, mehrere Informationen gleichzeitig zu berücksichtigen, Handlungsalternativen abzuwägen oder eine komplexe Strategie flexibel anzupassen.
Wissenschaftliche Vertiefung:
Arnsten: Stress signalling pathways that impair prefrontal cortex structure and function
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Wie hohe Aktivierung Aufmerksamkeit, Wahrnehmung, Kommunikation, Gedächtnis und Motorik verändern kann, erläutert der vertiefende Beitrag
Konfliktphase bei Gewalt: Was Stress mit Gehirn, Wahrnehmung und Handlungssicherheit macht
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3. Phase 1: Wahrnehmung – was verändert sich?
Bevor ein Mensch handeln kann, muss er zunächst Informationen aus seiner Umgebung aufnehmen.
Dazu können gehören:
- Körperbewegungen,
- Mimik und Gestik,
- Tonfall und Lautstärke,
- räumliche Distanz,
- Positionsveränderungen,
- weitere beteiligte Personen,
- Hindernisse und Rückzugswege,
- oder plötzliche Veränderungen einer Situation.
Unter Angst und hoher Aktivierung kann Aufmerksamkeit stärker auf bedrohungsrelevante Reize gelenkt werden. Das kann einerseits helfen, eine unmittelbare Gefahr zu fokussieren, andererseits können dadurch andere Informationen weniger Aufmerksamkeit erhalten.
Gerade deshalb spielt das visuelle System für Orientierung, Distanzbewertung und Bewegungssteuerung eine wichtige Rolle.
Die Übersichtsarbeit von Nieuwenhuys und Oudejans beschreibt, wie Angst sowohl die Wahrnehmung von Handlungsmöglichkeiten als auch die Auswahl und Umsetzung von Bewegungen beeinflussen kann.
Wissenschaftliche Quelle:
Nieuwenhuys & Oudejans: Anxiety and perceptual-motor performance
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Können Täter potenzielle Verwundbarkeit wahrnehmen?
Eine häufig zitierte Untersuchung von Grayson und Stein aus dem Jahr 1981 zeigte, dass inhaftierte Personen mit Gewaltdelikten anhand kurzer Videoaufnahmen Unterschiede zwischen Personen bewerteten und sich dabei unter anderem nonverbale Bewegungsmuster unterschieden.
Die Untersuchung ist interessant für die Täter-Opfer-Forschung. Sie beweist jedoch weder eine universelle Täterstrategie noch eine feste „7-Sekunden-Regel“.
Wissenschaftliche Quelle:
Grayson & Stein: Attracting assault – victims‘ nonverbal cues
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Die Phase vor dem offenen Konflikt:
Wie Veränderungen von Verhalten, Distanz und Situation bereits vor einer offenen Eskalation relevant werden können, erläutert der Beitrag
Vorkonfliktphase in der Gewaltprävention
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4. Phase 2: Bewertung – wie wird aus Wahrnehmung Bedeutung?
Wahrnehmung allein löst noch keine bestimmte Handlung aus.
Menschen bewerten Situationen auf Grundlage vieler Faktoren:
- früherer Erfahrungen,
- aktuell verfügbarer Informationen,
- Distanz und Umgebung,
- eigenen Ressourcen,
- sozial erlernter Konfliktstrategien,
- und des aktuellen körperlichen Aktivierungsniveaus.
Daraus entstehen Fragen wie:
Ist das nur unangenehm? Ist das eine Grenzüberschreitung? Entsteht gerade eine konkrete Gefahr? Muss ich reden, Abstand schaffen, Hilfe holen oder die Situation verlassen?
Die verbreitete Vorstellung, dass unter Stress einfach „die Amygdala übernimmt“, greift dabei zu kurz.
Die Amygdala ist an der Verarbeitung emotional bedeutsamer und potenziell bedrohlicher Reize beteiligt. Sie arbeitet jedoch als Teil größerer neuronaler Netzwerke und nicht als isolierter Schalter, der den Rest des Gehirns außer Betrieb setzt.
Wissenschaftlich sauber formuliert
Hohe Stressaktivierung kann komplexes Abwägen und flexible Planung erschweren. Sie macht einen Menschen jedoch nicht automatisch denk- oder entscheidungsunfähig.
5. Phase 3: Entscheidung – welche Handlung ist jetzt möglich?
Aus Wahrnehmung und Bewertung entstehen mögliche Handlungsoptionen.
Dazu können beispielsweise gehören:
- ruhig weiter kommunizieren,
- eine klare Grenze setzen,
- räumliche Distanz schaffen,
- Unterstützung hinzuziehen,
- einen Bereich verlassen,
- Dritte warnen oder schützen,
- oder bei einem gegenwärtigen Angriff notwendige Schutzhandlungen ergreifen.
Nicht jede Bedrohung führt automatisch zu Fight oder Flight.
Menschen können in bedrohlichen Situationen auch eine vorübergehende Bewegungshemmung oder starke Orientierungsreaktion zeigen, die häufig unter dem Begriff Freeze zusammengefasst wird.
Freeze ist dabei nicht einfach „Versagen“. Forschung beschreibt Freeze als komplexe defensive Reaktion, die auch der Orientierung und Vorbereitung weiterer Handlungen dienen kann.
Wissenschaftliche Quelle:
Roelofs: Freeze for action
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Freeze vertiefen:
Warum Menschen in akuten Gefahrensituationen vorübergehend erstarren können und was das für Training und Handlungssicherheit bedeutet, erläutert der Beitrag
Freeze-Reaktion im Ernstfall
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6. Phase 4: Handlung – warum Training eine Rolle spielt
In der Handlungsphase wird aus einer Entscheidung tatsächliches Verhalten.
Unter hoher Belastung können komplexe Bewegungen, Timing, Aufmerksamkeit und Bewegungssteuerung schwieriger werden.
Die pauschale Behauptung, dass unter Stress „nur noch Grobmotorik funktioniert“, ist jedoch zu einfach.
Fachlich angemessener ist:
Mit zunehmender Aktivierung können präzise und komplexe Bewegungen stärker beeinträchtigt werden, während einfache und gut eingeübte Bewegungsmuster häufig robuster bleiben.
Deshalb sollte praxisorientiertes Training nicht möglichst viele komplizierte Techniken vermitteln.
Wichtiger ist die Verbindung von:
Wahrnehmung → Entscheidung → einfache Handlung → erneute Lagebeurteilung.
Unter hoher Belastung sollten Handlungsabläufe möglichst einfach, klar und unter realitätsnahen Bedingungen trainiert worden sein.
Ziel ist nicht, einen starren Reflex zu erzeugen. Wahrnehmung, Entscheidung und Handlung sollen so miteinander verbunden werden, dass auch unter Stress noch eine situationsgerechte Handlungsoption verfügbar bleibt.
Vom Wissen zur Handlung:
Warum realitätsnahes Training nicht nur Techniken, sondern Wahrnehmung, Entscheidung und Handlung miteinander verbinden sollte, erläutert der Beitrag
Gewaltprävention und Handlungssicherheit im Training
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7. Wann wird aus dem Handlungskreislauf eine Eskalationslage?
Nicht jede Konfliktsituation entwickelt sich zwangsläufig zu Gewalt.
Eine Lage kann jedoch kritischer werden, wenn beispielsweise:
- klare Grenzen wiederholt ignoriert werden,
- Drohungen konkreter werden,
- die räumliche Distanz weiter verkürzt wird,
- Rückzugswege blockiert werden,
- Gegenstände einbezogen werden,
- oder körperliche Gewalt unmittelbar beginnt.
Dann verändert sich auch der Handlungskreislauf.
Die Frage lautet nicht mehr ausschließlich:
„Wie kann ich den Konflikt kommunikativ lösen?“
Sondern zunehmend:
„Wie sichere ich Handlungsspielraum, Distanz, Rückzug, Alarmierung und Schutz?“
Wann sich eine Strategie von Kommunikation und Deeskalation zu Distanz, Alarmierung und Schutz verändern muss, erläutert der Beitrag
Eskalationsphase bei Gewalt: Wenn Kommunikation versagt und Schutz Vorrang bekommt
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8. Was bedeutet der Handlungskreislauf für die Täterarbeit?
Der Handlungskreislauf ist nicht nur für potenziell Betroffene interessant.
Auch in der pädagogischen und verhaltensorientierten Täterarbeit kann er genutzt werden, um aggressive Handlungsfolgen sichtbar zu machen:
Auslöser → Bewertung → Aktivierung → Handlungsimpuls → Entscheidung → Verhalten → Konsequenz.
Damit verschiebt sich die Arbeit weg von der pauschalen Aussage:
„Ich bin einfach ausgerastet.“
hin zu konkreteren Fragen:
- Was habe ich wahrgenommen?
- Wie habe ich die Situation bewertet?
- Wann ist meine Aktivierung gestiegen?
- Welche Handlungsimpulse entstanden?
- Wo hätte ich den Ablauf unterbrechen können?
- Welche alternative Entscheidung wäre möglich gewesen?
Täterarbeit und Impulskontrolle:
Wie aggressive Handlungsimpulse früher erkannt, unterbrochen und durch alternative Entscheidungen ersetzt werden können, erläutert der Beitrag
Impulskontrolle bei aggressivem Verhalten
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9. Was bedeutet der Handlungskreislauf für Betroffene und Selbstschutz?
Für potenziell Betroffene bedeutet Handlungssicherheit nicht, eine Situation unbedingt körperlich lösen zu müssen.
Im Gegenteil: Eine gute Entscheidung kann darin bestehen, frühzeitig Abstand zu schaffen, eine Barriere zu nutzen, Hilfe zu alarmieren oder die Situation zu verlassen.
Der entscheidende Gedanke lautet:
Welche Handlung erhöht jetzt meine Sicherheit?
Distanz spielt dabei eine besondere Rolle.
Distanz schafft nicht automatisch Sicherheit – sie kann aber zusätzliche Zeit schaffen.
Und zusätzliche Zeit kann mehr Möglichkeiten bedeuten:
- eine Lage neu zu beurteilen,
- einen Rückzugsweg wahrzunehmen,
- Unterstützung zu aktivieren,
- Dritte zu warnen,
- oder eine andere sichere Handlung einzuleiten.
Wenn eine Situation akut gefährlich wird, bedeutet der Strategiewechsel nicht, von Deeskalation auf Aggression umzuschalten. Er bedeutet, von Kommunikation auf Selbstschutz und Sicherheit umzuschalten.
10. Was bedeutet der Handlungskreislauf für Arbeitgeber?
Gewaltprävention darf im Arbeitsleben nicht ausschließlich von der Reaktionsfähigkeit einzelner Beschäftigter abhängen.
§ 5 Arbeitsschutzgesetz verpflichtet Arbeitgeber, die mit der Arbeit verbundenen Gefährdungen zu beurteilen. Das Gesetz umfasst dabei auch psychische Belastungen bei der Arbeit.
§ 10 ArbSchG betrifft unter anderem Maßnahmen für Erste Hilfe und sonstige Notfallmaßnahmen sowie notwendige Verbindungen zu außerbetrieblichen Stellen.
§ 12 ArbSchG regelt die Unterweisung der Beschäftigten.
Für Gewalt- und Bedrohungslagen können daraus beispielsweise folgende organisatorische Fragen entstehen:
- Welche Gefährdungen bestehen tatsächlich?
- Welche baulichen oder technischen Schutzmaßnahmen sind erforderlich?
- Wie wird Hilfe alarmiert?
- Wann darf beziehungsweise soll ein Gespräch beendet werden?
- Welche Rückzugswege stehen zur Verfügung?
- Wie werden Beschäftigte unterwiesen?
- Wie werden Vorfälle dokumentiert und ausgewertet?
Amtliche Quellen:
§ 5 ArbSchG,
§ 10 ArbSchG
und
§ 12 ArbSchG.
Gewalt als Arbeitsschutzthema:
Wie Gefährdungsbeurteilung, organisatorische Maßnahmen und Selbstschutz bei Kundenkontakt zusammenspielen, erläutert der Beitrag
Arbeitsschutz, Gewaltprävention und Selbstschutz im Kundenkontakt
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DGUV: Schutz muss organisatorisch vorbereitet werden
Die DGUV Information 207-025 behandelt Gewalt und Aggression ausdrücklich als betriebliches Präventionsthema und richtet sich als Handlungshilfe an Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber.
Externe Quelle:
DGUV Information 207-025 – Prävention von Gewalt und Aggression
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11. Für welche Arbeitsbereiche ist das Modell relevant?
Der Handlungskreislauf ist nicht nur für Polizei, Sicherheitsdienste oder Einsatzkräfte relevant.
Er kann überall dort hilfreich sein, wo Beschäftigte mit angespannten, aggressiven oder potenziell gewalttätigen Situationen konfrontiert werden können.
Behörden und öffentlicher Dienst
Dazu gehören beispielsweise Bürgerbüros, Jobcenter, Sozialverwaltung, Ordnungsämter und andere Bereiche mit intensivem Publikumsverkehr.
Gesundheitswesen und soziale Einrichtungen
Notaufnahmen, Psychiatrien, Pflege, soziale Beratung und andere Gesundheits- und Sozialbereiche können mit verbaler Aggression, Drohungen und körperlichen Übergriffen konfrontiert sein.
KRITIS und betriebliche Sicherheitsorganisation
In kritischen Infrastrukturen kann Gewalt gegen Beschäftigte zusätzlich betriebliche Abläufe, Zugänge oder kritische Funktionen beeinträchtigen.
Weitere Bereiche
Auch Verkehr, Einzelhandel, Wohnungswirtschaft, Bildung, Sicherheitsdienste und andere Arbeitsplätze mit Kunden- oder Publikumsverkehr können von einer systematischen Betrachtung profitieren.
12. Wie kann der Handlungskreislauf trainiert werden?
Ein Handlungskreislauf lässt sich nicht dadurch trainieren, dass Teilnehmende nur theoretisch wissen, was sie tun sollten.
Training sollte Wahrnehmung, Entscheidung und Handlung miteinander verbinden.
Dazu können gehören:
- Situations- und Umgebungswahrnehmung,
- Distanz und Positionierung,
- verbale Grenzsetzung,
- einfache Entscheidungswege,
- Alarmierungsabläufe,
- Rückzugsmöglichkeiten,
- realitätsnahe Szenarien,
- und die anschließende gemeinsame Auswertung.
Dabei sollte Belastung schrittweise und verantwortungsvoll gesteigert werden.
Realitätsnah bedeutet nicht, Teilnehmende maximal zu überfordern. Ziel ist, Handlungssicherheit aufzubauen und nicht zusätzliche Unsicherheit zu erzeugen.
„Unter Stress zählt nicht nur Wissen – sondern vor allem, welche Handlungsabläufe eingeübt und unter Belastung noch abrufbar sind.“
— Günther Pfeifer
Die Gladiator Mind Methode überträgt diesen Gedanken auf mentale Vorbereitung, Selbstführung und Handlungssicherheit unter Belastung.
13. Wo liegen die Grenzen des Modells?
Der Handlungskreislauf ist ein didaktisches Modell.
Er darf nicht so verstanden werden, als würden alle Menschen in jeder Gewaltsituation vier sauber getrennte Phasen durchlaufen.
Vorkonfliktphase
→
Konfliktphase
→
Eskalationsphase
→
Postkonfliktphase
→
Auswertung
→
Prävention
Reale Situationen können:
- sehr langsam entstehen,
- innerhalb weniger Augenblicke kippen,
- zwischen verschiedenen Zuständen wechseln,
- ohne deutlich erkennbare Warnphase beginnen,
- oder durch mehrere beteiligte Personen völlig neue Dynamiken entwickeln.
Auch Körperhaltung, Blick, Lautstärke oder einzelne Gesten erlauben keine sichere Vorhersage darüber, ob eine Person gewalttätig werden wird.
Modelle strukturieren – sie entscheiden nicht
Der Handlungskreislauf soll helfen, Wahrnehmung, Entscheidung und Verhalten systematisch zu betrachten. Die konkrete Entscheidung muss sich immer an Verhalten, Dynamik, Kontext, Distanz und vorhandenen Schutzmöglichkeiten orientieren.
14. Häufig gestellte Fragen zum Handlungskreislauf
Warum kann Deeskalation bei Hochstress schwieriger werden?
Unter hoher Aktivierung können Aufmerksamkeit, Arbeitsgedächtnis, flexible Planung und komplexe Entscheidungsprozesse beeinträchtigt sein. Bedrohungsrelevante Informationen können stärker in den Vordergrund treten, während andere Handlungsoptionen weniger Aufmerksamkeit erhalten.
Das bedeutet jedoch nicht, dass rationales Denken vollständig ausgeschaltet wird oder der präfrontale Cortex einfach „deaktiviert“ ist.
Praxisorientiertes Training kann helfen, einfache und eingeübte Handlungsabläufe auch unter Belastung besser verfügbar zu halten.
Wie lange dauert der Handlungskreislauf in einer Bedrohungssituation?
Dafür gibt es keine allgemein gültige Zeitangabe.
Wahrnehmung, Bewertung, Entscheidung und Handlung können in dynamischen Situationen sehr schnell ablaufen. Die tatsächliche Dauer hängt unter anderem von Distanz, Situation, Erfahrung, Aufmerksamkeit, Umgebung und Verhalten der beteiligten Personen ab.
Auch die Untersuchung von Grayson und Stein aus dem Jahr 1981 begründet keine allgemeine feste „7-Sekunden-Regel“.
Kann man den Handlungskreislauf trainieren?
Ja. Training kann dazu beitragen, Wahrnehmung, Entscheidung und Handlung systematisch miteinander zu verbinden.
Ziel ist nicht, starre Reflexe zu erzeugen, sondern einfache und verständliche Handlungsabläufe unter zunehmend realitätsnahen Bedingungen einzuüben.
Dazu gehören unter anderem Situationswahrnehmung, Distanzmanagement, klare Entscheidungswege, Kommunikation, Alarmierung und realitätsnahe Szenarien.
Ist der Handlungskreislauf nur für Sicherheitskräfte relevant?
Nein. Gewalt- und Bedrohungssituationen können unter anderem in Behörden, Sozialverwaltung, Gesundheitswesen, Verkehr, Einzelhandel, Wohnungswirtschaft und vielen anderen Bereichen mit Publikums- oder Kundenkontakt auftreten.
Im betrieblichen Kontext ist insbesondere die Gefährdungsbeurteilung nach § 5 ArbSchG relevant.
Was ist der Unterschied zwischen Konfliktphase und Eskalationsphase?
In der Konfliktphase steht unter anderem im Mittelpunkt, wie zunehmende Aktivierung Wahrnehmung, Denken, Kommunikation und Handlungsmöglichkeiten beeinflussen kann.
In der Eskalationsphase wird zusätzlich entscheidend, ob Kommunikation weiterhin ausreichend Sicherheit schafft oder ob Distanz, Rückzug, Alarmierung und Schutzmaßnahmen Vorrang bekommen müssen.
Warum ist Distanz im Handlungskreislauf wichtig?
Distanz kann zusätzliche Zeit schaffen. Diese Zeit kann helfen, Veränderungen wahrzunehmen, eine Situation neu zu beurteilen, Unterstützung zu alarmieren oder einen Rückzugsweg zu nutzen.
15. Quellen und weiterführende Literatur
- Arnsten, A. F.:
Stress signalling pathways that impair prefrontal cortex structure and function
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Nature Reviews Neuroscience, 2009. - Nieuwenhuys, A. & Oudejans, R. R. D.:
Anxiety and perceptual-motor performance
. - Roelofs, K.:
Freeze for action: neurobiological mechanisms in animal and human freezing
. - Grayson, B. & Stein, M. I.:
Attracting assault: victims‘ nonverbal cues
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Journal of Communication, 1981. - Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung:
DGUV Information 207-025 – Prävention von Gewalt und Aggression
. - Bundesministerium der Justiz / Bundesamt für Justiz:
§ 5 Arbeitsschutzgesetz
. - Bundesministerium der Justiz / Bundesamt für Justiz:
§ 10 Arbeitsschutzgesetz
. - Bundesministerium der Justiz / Bundesamt für Justiz:
§ 12 Arbeitsschutzgesetz
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Über den Autor
Günther Pfeifer ist IHK-zertifizierte Fachkraft für Gewaltprävention und beschäftigt sich aus praktischer Perspektive mit Deeskalation, Handlungssicherheit, verhaltensorientierter Täterarbeit und organisatorischem Gewaltschutz. Seine Fachbeiträge verbinden praktische Trainingsansätze mit Fragestellungen aus Gewaltprävention, Arbeitssicherheit und organisatorischen Schutzstrukturen.
Fachlicher und rechtlicher Hinweis
Dieser Beitrag beschreibt pädagogische und verhaltensorientierte Ansätze der Gewaltprävention und dient der fachlichen Information. Er stellt keine psychologische, psychotherapeutische, psychiatrische, medizinische oder rechtliche Einzelfallberatung dar. Die dargestellten gesetzlichen Regelungen dienen der allgemeinen fachlichen Orientierung. Maßnahmen im Kontext von Jugendhilfe, Kindeswohl, Jugendstrafrecht oder familiengerichtlichen Verfahren müssen unter Berücksichtigung des konkreten Einzelfalls und in Abstimmung mit den jeweils zuständigen Fachstellen beziehungsweise Behörden durchgeführt werden.