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Handlungskreislauf, Eskalationsphasen und Stress-Loop: Warum der Mensch unter Druck anders reagiert

Gewaltprävention entscheidet sich selten an der Technik – sie entscheidet sich an der Schnittstelle Mensch.
In dem Moment, in dem Druck entsteht, verändert sich unser Verhalten: Wahrnehmung wird enger, Bewertung kippt schneller, Entscheidungen werden kürzer, Handlungen werden grober. Genau deshalb ist es wichtig, drei Dinge sauber zu trennen und gleichzeitig miteinander zu verbinden: den Handlungskreislauf (4 Phasen) als Innenlogik, ein 8-Phasen-Modell als Ereignis-Lifecycle und den Stress-Loop als Rückkopplung, die Vorfälle wahrscheinlicher macht.

Über den Autor: Günther Pfeifer – Fachkraft für Gewaltprävention (IHK) und Trainer für Handlungssicherheit
mit über 25 Jahren operativer Erfahrung in sicherheitsrelevanten Umfeldern. Der Schwerpunkt liegt auf praxistauglicher Handlungssicherheit unter Stress, Deeskalation, Selbstschutz – Schnittstelle Mensch und systemischer Prävention (Mitarbeiter, Team, Alarmwege, Nachbereitung).

Hinweis: Dieser Text ist eine fachliche Einordnung und keine Rechts- oder Therapieberatung. Er soll Verantwortlichen und Mitarbeitenden helfen, Muster zu erkennen, Risiken zu reduzieren und Handlungsfähigkeit aufzubauen und ein Impuls setzen.

Phase 0: Priming (Voraktivierung) – der Loop beginnt oft vor dem Vorfall

Viele Eskalationen entstehen nicht „aus dem Nichts“. In der Realität beginnt der Stress-Loop häufig vor der
Vorkonfliktphase – als Priming (Voraktivierung). Auslöser sind oft keine direkten Ereignisse am Arbeitsplatz, sondern das Grundrauschen aus Nachrichten, Social Media und Erzählungen („bei uns wird’s immer schlimmer“).
Dadurch sinkt die Schwelle, ab der Situationen als bedrohlich bewertet werden.

Dass negative Nachrichten das Erleben beeinflussen können, ist nicht nur Bauchgefühl: Eine experimentelle Studie zu TV-News zeigte, dass ein negativer Nachrichtenblock (14 Minuten) die ängstliche/sad mood erhöhen und das Katastrophisieren persönlicher Sorgen verstärken kann. [die Studie]
Der Punkt ist nicht „Medien sind schuld“, sondern: Wer bereits voraktiviert in den Dienst kommt, reagiert schneller mit Abwehr, Härte oder Spiegeln  oft, ohne es zu merken.

Merksatz: Priming verschiebt den Startpunkt. Der Vorfall beginnt im Kopf oft früher als im Flur.
Da der Mensch an der Schnittstelle oft die letzte funktionierende Barriere darstellt, muss Gewaltprävention bereits vor dem ersten Kontakt ansetzen: beim Nervensystem, der eigenen Haltung und klaren Routinen.

Der Handlungskreislauf (4 Phasen): Innenlogik in Sekunden

Der Handlungskreislauf ist das Innenmodell. Er beschreibt, was im Menschen in Sekunden passiert:
Wahrnehmung → Bewertung → Entscheidung → Handlung. Jeder Schritt kann unter Stress kippen – und genau hier wird verständlich, warum gut gemeinte „Tipps“ manchmal ins Leere laufen.

1) Wahrnehmung

Unter Druck wird Aufmerksamkeit enger: Tonfall, Nähe und schnelle Bewegungen dominieren. Details und Alternativen gehen verloren. Wer hier trainiert, trainiert nicht „Tricks“, sondern Orientierung: Sehen, hören, Distanz, Raum.

2) Bewertung

Bewertung ist der kritische Kipppunkt: „Ist das gefährlich?“ Priming (Phase 0) senkt diese Schwelle. Im Alarmmodus wird Neutralität schwerer; Signale werden schneller als Angriff interpretiert.

3) Entscheidung

Unter akutem Stress kann die kognitive Kontrolle rapide abnehmen. Die Forschung zur Stresswirkung auf die
Präfrontalkortex-Funktionen beschreibt, dass schon relativ milder, unkontrollierbarer Stress kognitive Fähigkeiten deutlich beeinträchtigen kann – also genau das, was im Einsatz als „Tunnel“ oder „Blackout“ erlebt wird. [ ein Review]

4) Handlung

Handlung ist sichtbar: Stimme, Körper, Distanz, Ausstieg, Alarmierung. Unter Druck funktionieren robuste Prinzipien besser als filigrane Abläufe: Tempo senken, klare Sätze, Distanz schaffen, Hilfe organisieren, Eigenschutz.

Wichtig: Der Handlungskreislauf ist kein „Modell fürs Papier“. Er läuft in jeder Eskalationsstufe im Hintergrund.
Je höher der Stress, desto stärker entscheidet sich alles in Bewertung/Entscheidung.

Das 5-Phasen-Kontaktpunktmodell: Orientierung in Minuten

Das 5-Phasen-Modell ist ein Frontline-Raster für Arbeitsplätze mit Publikumsverkehr: Empfang, Vorzimmer,
Pflege, ÖPNV, Behörden. Es beschreibt, was Mitarbeitende im Kontakt typischerweise beobachten – und hilft, früh zu handeln,bevor die Lage kippt.

  1. Unterschwellige Spannung: Gereiztheit, Sarkasmus, Unruhe. Strategie: Tempo rausnehmen,
    bewusst ausatmen, Gespräch strukturieren.
  2. Verbale Aggression: Abwertung, Drohung, Lautstärke. Strategie: langsam und klar sprechen,
    kurze Sätze, keine Rechtfertigungsspirale.
  3. Grenzüberschreitung: Distanzzone, Blockieren, körperliche Dominanz. Strategie: Distanz,
    Position, Hilfe holen, Ausstieg vorbereiten.
  4. Übergriff: Verbal/physisch. Strategie: Eigenschutz, Schutz Dritter, Alarmierung, Rückzug.
  5. Nachbeben: Angst vor der nächsten Schicht, Grübeln, Reizbarkeit. Strategie: kein
    „Heldentum“, sondern professionelle Nachbearbeitung (Debriefing, Dokumentation, Unterstützung).

Dieses 5-Phasen-Raster ist bewusst pragmatisch. Es zeigt, wo man eingreifen kann ohne „Kochrezept“.
Die Detailarbeit gehört in die Schulung, nicht ins Internet.

Das 8-Phasen-Modell: Incident-Lifecycle (Systemlogik)

Das 8-Phasen-Modell betrachtet den Vorfall als Ereignis-Lebenszyklus über Stunden bis Wochen. Es macht
sichtbar, dass Gewaltprävention nicht beim Übergriff endet. In vielen Organisationen entstehen die größten Schäden in den Phasen danach: Nachwirkung, Teamklima, Wiederholung.

  1. Kontextdruck / Vorkonflikt: Rahmenbedingungen (Warten, Überforderung, Enge, Missverständnisse).
  2. Frühzeichen / Spannung: Ton, Blick, Körpersprache kippen, Geduld sinkt.
  3. Verbale Eskalation: Vorwürfe, Drohungen, Entwertung, Lautstärke.
  4. Grenztest & Proxemik: Distanzzone, Blockieren, körperliche Dominanz.
  5. Übergriff / Gewalthandlung: Verbal/physisch – Priorität: Schutz und Kontrolle der Lage.
  6. Akut-Intervention & Sicherung: Alarmkette, Rollen, Trennung, Übergabe an Einsatzkräfte.
  7. Nachreaktion / Runterfahren: Zittern, Leere, Wut, Schuld, Schlafstörungen – normal, aber ernst.
  8. Nachbereitung & Lernen: Debriefing, Dokumentation, Anpassungen, Training, Führungssignal.

Diese Phasen lassen sich mit Arbeitsschutzlogik verbinden: Psychische Belastung ist Teil der Gefährdungsbeurteilung.§ 5 ArbSchG verpflichtet Arbeitgeber, Gefährdungen zu ermitteln und Maßnahmen abzuleiten.Für den fachlichen Rahmen zu Gewalt am Arbeitsplatz (inkl. Belästigung, Bedrohung, körperliche Übergriffe) bietet die DGUV eine gute Übersicht – mit dem klaren Hinweis, dass bestimmte Branchen (z. B. Bahnen, Kliniken – und Sozialbehörden, Einzelhandel, Banken) ein erhöhtes Risiko tragen.

Warum das in KRITIS-Sektoren eine andere Dimension hat

In Kritischen Infrastrukturen (KRITIS) ist der menschliche Faktor nicht „weich“ er ist systemrelevant. Wenn Mitarbeitende an Kontaktpunkten ausfallen (psychisch oder physisch), kann das Abläufe stören, Warteschlangen eskalieren lassen, Sicherheitsketten belasten und im Extremfall kaskadierende Effekte erzeugen. Bund und Länder ordnen KRITIS seit 2011 in 9 Sektoren ein; zusätzlich wurde 2021 Siedlungsabfallentsorgung als KRITIS-Sektor aufgenommen.

Die rechtliche Einordnung für Betreiber kritischer Anlagen erfolgt u. a. über die BSI-Kritisverordnung (BSI-KritisV),
in der Anlagenkategorien und Schwellenwerte geregelt sind.

KRITIS-Punkt: In KRITIS ist Prävention nicht nur „nice to have“, sondern Teil von Resilienz:
Der Mensch am Kontaktpunkt ist oft die letzte funktionierende Barriere, wenn Prozesse zu langsam greifen.

Der Stress-Loop: Rückkopplung, Nachwirkung, Wiederholung

Der Stress-Loop verbindet Priming (Phase 0), den Handlungskreislauf (4 Phasen) und den Incident-Lifecycle (8 Phasen). Er erklärt, warum sich Vorfälle „anfühlen“, als würden sie immer häufiger werden – selbst wenn objektive Zahlen nicht täglich präsent sind: Nach einem Ereignis bleibt ein Alarmabdruck zurück. Wird dieser nicht professionell bearbeitet, steigt die Voraktivierung, und die nächste Eskalation wird wahrscheinlicher.

Stress-Loop (vereinfacht):
Priming (News/Erzählungen/Erfahrung) → schnellere Bedrohungsbewertung → engere Kommunikation →
Eskalationsrisiko steigt → Vorfall → Nachreaktion (Grübeln/Schlaf/Anspannung) → Teamnarrativ/Flurfunk →
Priming wird stärker.

Dass Gewalterfahrungen langfristige Folgen haben können, ist im Arbeitsschutzkontext anerkannt: Die DGUV weist darauf hin, dass Beschäftigte Gewalterlebnisse unterschiedlich verarbeiten und extreme Ereignisse u. a. eine PTBS nach sich ziehen können.Deshalb ist Nachbereitung keine „weiche Zusatzleistung“, sondern Teil von Prävention.

Für die betriebliche Erstbetreuung nach belastenden Ereignissen existieren Standards, z. B. die DGUV Information 206-023 zur betrieblichen psychologischen Erstbetreuung (BpE).
Auf europäischer Ebene wird Gewalt/Belästigung am Arbeitsplatz ebenfalls als Thema bearbeitet – inklusive dritter Personen (Kunden, Patienten, Bürger). EU-OSHA führt u. a. Rahmenwerke und sektorübergreifende Leitlinien.

Anonyme Praxisbeispiele (ohne Orts- und Namensnennung)

Beispiele helfen, Muster zu erkennen ohne konkrete Organisationen „gläsern“ zu machen. Die folgenden Szenarien sind anonymisiert und so beschrieben, dass keine Rückschlüsse auf einzelne Einrichtungen möglich sind.

Beispiel 1: Behörde / Schalter

Ein Bürger kommt bereits gereizt an, weil er zuvor online gelesen hat, „man bekommt eh nichts“ (Phase 0 Priming). Am Schalter reicht ein unglücklicher Satz („da kann ich nichts machen“) – die Bewertung kippt, Stimme wird lauter,Distanz wird verletzt (Grenztest). Ohne klares Team-Signal (Rollen/Alarm) entsteht ein Übergriff. Danach bleibt im Team das Gefühl: „Jetzt passiert das ständig“  der Loop verstärkt sich.

Beispiel 2: Gesundheitswesen / Aufnahme

Wartezeit, Schmerzen, Überforderung (Vorkonflikt) – verbale Aggression startet. Eine Mitarbeiterin ist nach einem früheren Vorfall voraktiviert, reagiert schneller abwehrend. Die Eskalation beschleunigt sich, Distanzzone wird verletzt. Nach dem Vorfall wird nicht nachbereitet  zwei Wochen später gehen mehrere Mitarbeitende „mit Stein im Magen“ in den Dienst.

Beispiel 3: Verkehr / KRITIS-nahe Umgebung

In einem verkehrsnahen Umfeld eskaliert eine Ticket-/Kontrollsituation. Viele Umstehende filmen, die Lage wird „öffentlicher“,das Stresslevel steigt. Ohne klare Sicherungsroutine (Phase 6) wird die Gruppe zum Risikoverstärker. Nachbereitung entscheidet,ob das Team wieder handlungsfähig wird oder ob der Loop die nächsten Schichten belastet.

Gladiator Mind: Methode, ohne „Kochrezept“

Die Gladiator Mind Methode ist meine Säule für Selbstführung unter Stress. Der Fokus liegt nicht auf
Show-Techniken, sondern auf abrufbarer Handlungsfähigkeit: klare Prinzipien, robuste Entscheidungen, saubere Teamlogik, Nachbereitung, und ein realistischer Blick auf das, was unter Druck wirklich funktioniert.

Wer tiefer einsteigen will, findet die methodische Einordnung hier:
Gladiator Mind.
Für den systemischen Kontext (warum der Mensch die kritische Schnittstelle ist) siehe:
Mensch im Mittelpunkt.
Und wenn es um Stabilisierung und Handlungsfähigkeit nach Vorfällen geht:
Resilienz & Handlungsfähigkeit.

Transparenz: Die Details der Trainingsmethodik gehören in die Schulung. Online werden bewusst die
Prinzipien beschrieben – so entsteht Mehrwert, ohne operative Abläufe offen zu legen.

Absolut, lass uns noch einmal den Gesamteindruck und den Mehrwert der Artikel-Serie zusammenfassen:

Die Artikel „Handlungskreislauf, Eskalationsphasen und Stress-Loop“, „Resilienz & Gewaltprävention Behörden“ und „Mensch im Mittelpunkt der Gewaltprävention“ bilden zusammen einen umfassenden, praxisorientierten Leitfaden zum Thema Gewaltprävention am Arbeitsplatz – mit speziellem Fokus auf Behörden, Kliniken und KRITIS-Sektoren.

Der große Mehrwert liegt in der Verbindung von psychologischen Grundlagen, konkreten Handlungsstrategien und organisationalen Rahmenbedingungen. Leser bekommen nicht nur isolierte Tipps, sondern ein ganzheitliches Verständnis der Dynamiken und Einflussfaktoren bei Eskalationen.

Besonders hervorzuheben sind:

  1. Die ausgewogene Mischung aus Theorie und Praxis, die Wissen und Anwendung optimal verknüpft.
  2. Die klare, strukturierte Aufbereitung komplexer Zusammenhänge, die auch Nicht-Experten den Zugang erleichtert.
  3. Die Verankerung in Forschung und Gesetzgebung, die den Ausführungen zusätzliche Autorität verleiht.
  4. Der menschenzentrierte Ansatz, der Mitarbeitende und ihr Erleben konsequent in den Mittelpunkt stellt.
  5. Die konstruktive, lösungsorientierte Herangehensweise, die Wege zur nachhaltigen Prävention aufzeigt.

Unter dem Strich liefert die Artikel-Serie genau das, was der Titel „Handlungssicherheit bei Gewalt und Aggression“ verspricht: Fundiertes Wissen und konkrete Strategien, um mit einem hochrelevanten Problem in herausfordernden Arbeitsumfeldern professionell umzugehen.

Sichern Sie die Handlungsfähigkeit Ihres Teams

Gewaltprävention ist kein Produkt von der Stange, sondern eine Investition in die Betriebssicherheit und die psychische Gesundheit Ihrer Mitarbeitenden.

Als Fachkraft für Gewaltprävention (IHK) unterstütze ich Sie dabei, maßgeschneiderte Konzepte für Ihre Organisation zu entwickeln – von der fundierten Bedarfsanalyse über praxisnahe Deeskalation, Gewaltpräventions und Selbstschutztraining bis hin zur sicheren Integration in Ihre Sicherheitsstrukturen.

Lassen Sie uns gemeinsam die Weichen stellen: Kontaktieren Sie mich für ein unverbindliches Erstgespräch (bis zu 15 Min.), um Ihren konkreten Schulungsbedarf zu klären. Auf dieser Basis erstelle ich Ihnen ein individuelles Angebot für ein Training oder Seminar in Ihrem Haus.

 Sprechen Sie uns an – wir entwickeln passgenaue Lösungen.
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Über den Autor

Günther Pfeifer

IHK-zertifizierter Fachkraft für Gewaltpräventions mit über 25 Jahren Erfahrung in Risiko-Bereichen. Entwickler der Gladiator Mind-Methodik, die stoische Philosophie mit moderner Neurowissenschaft verbindet. Spezialisiert auf Behörden, KRITIS, Jobcenter, Kliniken, Rettungsdienst, ÖPNV, Einzelhandel, und Flughäfen.

Ich bin Praktiker, kein Forscher. Meine Aufgabe ist es, wissenschaftliche Erkenntnisse in tragfähige Konzepte für reale Einsatzsituationen zu übersetzen als Architekt, der die richtigen Fachleute zusammenbringt. Wo mein Wissen endet, beginnt mein Netzwerk.

Meine Arbeit basiert auf der Überzeugung, dass der Mensch im Mittelpunkt jeder wirksamen Gewaltprävention stehen muss. Nur wer seine eigene Stressphysiologie versteht und seinem Bauchgefühl vertraut, kann unter Druck souverän bleiben, deeskalierend auftreten  und sich flexibel an die Dynamik der Situation anpassen, wenn Standardroutinen nicht mehr greifen.

Wichtiger Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und Sensibilisierung für Themen des Selbstschutzes und der Gewaltprävention aus Sicht eines Fachberaters. Er stellt keine Rechtsberatung dar und kann eine individuelle juristische Beratung im Einzelfall nicht ersetzen.